Die Geschichte von Persönlicher Zukunftsplanung im deutschsprachigen Raum

Persönliche Zukunftsplanung umfasst eine Vielzahl methodischer Planungsansätze, um mit Menschen mit und ohne Beeinträchtigung über ihre Zukunft nachzudenken, eine Vorstellung von einer erstrebenswerten Zukunft zu entwickeln, Ziele zu setzen und diese mit Hilfe eines Unterstützungskreises Schritt für Schritt umzusetzen. Die verschiedenen personenzentrierten Planungsansätze wurden im englischsprachigen Raum von verschiedenen Menschen unter dem Oberbegriff „person centered planning“ Ende der 1980er Jahre entwickelt.[1] Dieser Artikel befasst sich mit der Entwicklung von Persönlicher Zukunftsplanung im deutschsprachigen Raum.[2]

Ich habe den Ansatz der Persönlichen Zukunftsplanung während meines Studiums 1994/95 an der University of Oregon in den USA kennengelernt. In den letzten 24 Jahren habe ich den Ansatz in zahlreichen Zukunftsplanungen erprobt, sowie durch Seminare, Vorträge und Veröffentlichungen verbreitet. Ich hatte die Gelegenheit in verschiedenen Projekten und im Netzwerk Persönliche Zukunftsplanung zusammen mit vielen Menschen wie Susanne Göbel, Carolin Emrich, Oliver Koenig, Tobias Zahn, Wiebke Kühl, Ines Boban, Andreas Hinz, aber auch mit den amerikanischen Protagonisten wie Beth Mount und John O’Brien viel über Persönliche Zukunftsplanung zu lernen und die Methoden weiter zu entwickeln. Ich konnte dadurch die Entwicklung von Persönlicher Zukunftsplanung im deutschsprachigen Raum aktiv mit gestalten und begleiten. Diese hier beschriebene Geschichte der Persönlichen Zukunftsplanung im deutschsprachigen Raum ist somit eine höchst subjektive Nacherzählung, die dennoch versucht wichtige Ereignisse und Entwicklungslinien für andere nachvollziehbar zu machen. Ich unterscheide dabei grob zwei Phasen der Entwicklung:

Persönliche Zukunftsplanung gelangt in den deutschsprachigen Raum – erste Veröffentlichungen, Seminare und Erprobungen (1994-2008)

Der Ansatz der Persönlichen Zukunftsplanung wurde etwa seit Mitte der 1990er Jahre aus den englischsprachigen Ländern von Studien- und Arbeitsaufenthalten in den USA oder von Seminaren nach Deutschland mitgebracht. Susanne Göbel hatte Persönliche Zukunftsplanungen bereits vor mir während ihrer Studien- und Arbeitszeit in Oregon in den USA Anfang der 1990er Jahre erlebt. Ich habe den Ansatz der Persönlichen Zukunftsplanung wie bereits erwähnt während meines Master-Studiums im Bereich Special Education and Rehabilitation 1994/95 an der University of Oregon in den USA kennengelernt.[3] Roz Slovic von der University of Oregon erzählte mir von Susanne Göbel und empfahl mir, sie nach meiner Rückkehr in Deutschland unbedingt zu treffen. Vielleicht könnten wir ja die Ideen von Persönlicher Zukunftsplanung nach Deutschland bringen, so ihr prophetischer Vorschlag. Ines Boban und Andreas Hinz lernten den Ansatz durch ein Seminar über MAP und PATH in Großbritannien kennen, außerdem standen wir während meines USA-Aufenthaltes in persönlichem Kontakt.

Nach meiner Wiederkehr nach Deutschland im Herbst 1995 baute ich die Bundesarbeitsgemeinschaft für Unterstütze Beschäftigung (BAG UB) als Geschäftsführer auf und brachte mein Lehramtsstudium an der Universität Bremen zu Ende. Ich nahm bald Kontakt zu Susanne Göbel auf und wir trafen uns in Kassel-Wilhelmshöhe auf dem Bahnhof, um uns auszutauschen und Begrifflichkeiten für unsere Übersetzungen abzustimmen. Angeregt von dem Ansatz „personal futures planning“ von Beth Mount, einigten wir uns darauf, „Persönliche Zukunftsplanung“ zum deutschen Begriff für „person centred planning“ zu machen, da uns „personenzentrierte Planung“ zu technisch erschien. Im Rahmen eines meiner ersten Seminare an der Universität Bremen begeisterte sich Carolin Emrich so für das Thema Persönliche Zukunftsplanung, dass sie später ihre Diplomarbeit darüber schrieb und begann Seminare zum Thema mit zu gestalten.

In diese Zeit fallen auch die ersten Veröffentlichungen zum Thema Persönliche Zukunftsplanung. Klaus von Lüpke war der erste, der in seinem Buch „Nichts besonderes“ 1994[4] von dem Ansatz der individuellen Zukunftsplanung und Zukunftsplanungs-Konferenzen berichtete, von denen er aus den Niederlanden erfahren hatte. Am 11.September 1996 hielt ich einen Vortrag auf der Fachtagung „‘Perestroika’ in der Behindertenhilfe?! Von der zentralen Versorgungswirtschaft zur Subjektorientierung“ an der Ev. Fachhochschule für Sozialpädagogik in Hamburg, die ich mit einem inklusiven Vorbereitungskreis und einigen Arbeitsgruppen zum Thema Persönliche Zukunftsplanung mitgestaltet hatte. In Folge erschien 1996 die erste Auflage der Broschüre „I want my dream“, die damals 37 Seiten hatte. Bald war der Text bei bidok Online-Bibliothek im Internet erhältlich. Zu dieser Zeit erschienen auch weitere erste Artikel zum Thema Persönliche Zukunftsplanung[5]. Im Jahre 1999 wurde der überarbeitete Text mit einem anderen Beitrag zum Thema Peer Counseling als Buch mit dem Titel „Zukunftsweisend. Peer Counseling und Persönliche Zukunftsplanung“ veröffentlicht.[6]

Außerdem gab es erste Zukunftsplanungen und Zukunftsfeste, Vorträge und zumeist ein- bis zweitägige Seminare. So fanden Seminare mit Pädagog*innen, Eltern und Menschen mit Beeinträchtigungen aus Wohngruppen und Betreutem Wohnen, Integrationsfachdiensten und Werkstätten, Integrationsklassen und Sonderschulen, Sozialen Diensten und Peer-Counseling Beratungsstellen statt und es wurden persönliche Unterstützungskreise begleitet. Im Wesentlichen wurde der Ansatz zu dieser Zeit durch Susanne Göbel, Carolin Emrich und mich, sowie in besonderem Maße von Ines Boban und Andreas Hinz verbreitet. Persönliche Zukunftsplanung wurde Teil der von der BAG UB angebotenen Ausbildung von Integrationsberater*innen sowie der von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V. (ISL) durchgeführten Ausbildung von Peer-Berater*innen. Elemente Persönlicher Zukunftsplanung wurden in der Praxis von einzelnen engagierten Mitarbeiter*innen und Organisationen aufgegriffen.[7]

Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland e.V. war im Jahre 2003 Träger des kleinen bundesweiten Austauschprojektes „Zeit für Veränderungen“ zum Thema Persönliche Zukunftsplanung, in dem u.a. Susanne Göbel, Carolin Emrich und ich zusammengearbeitet haben. In dem Projekt wurden Zukunftsplanungen durchgeführt, es entstand die Internetseite www.persoenliche-zukunftsplanung.de und 2004 erschien das Arbeitsbuch „Käpt’n Life und seine Crew“[8] zum Thema Persönliche Zukunftsplanung in leichter Sprache. Die Broschüre „I want my dream“ wurde grundlegend überarbeitet und hatte jetzt 50 Seiten plus 68 Seiten Materialteil.

Im Lebenshilfe-Verlag erschien 2006 der Ordner „Gut leben“[9], der für eine weitere Verbreitung des Themas sorgte. Die Hamburger Arbeitsassistenz entwickelte Materialien der Persönlichen Zukunftsplanung für den Bereich der beruflichen Orientierung in „BeO“ und „Talente“ weiter[10].

Zwischen Dezember 2004 und Juli 2005 fand unter dem Titel „Life is short“ die erste mehrteilige Fortbildung in Bremen zur Persönlichen Zukunftsplanung in Theorie und Praxis von Sozialarbeit und Behindertenhilfe statt. Sie wurde von Selbstbestimmt Leben in Zusammenarbeit mit dem Amt für Soziale Dienste und dem Martinsclub Bremen angeboten und inhaltlich von Carolin Emrich zusammen mit Wilhelm Winkelmeier geleitet. Es folgte 2006/2007 eine von Susanne Göbel und Carolin Emrich durchgeführte umfassende überregionale und inklusive Weiterbildung in Persönlicher Zukunftsplanung in Kassel, die sich an Fortgeschrittene mit Grundkenntnissen in Persönlicher Zukunftsplanung richtete.

In bestimmten Arbeitsfeldern wurden die Methoden zu dieser Zeit vermehrt genutzt, es gab aber keine breite Praxis. Der Ansatz der Persönlichen Zukunftsplanung hatte jedoch Einfluss auf die Entwicklung von einigen Ansätzen der individuellen Hilfeplanung[11].

Neue Wege zur Inklusion – neue Projekte und Materialien, inklusive Weiterbildungen, Netzwerk der Aktiven (seit 2009)

Oliver Koenig von der Universität Wien und Tobias Buchner, damals bei der Lebenshilfe Österreich, fragten mich 2008, ob ich an einem europäischen Leonardo-Projekt zur Entwicklung einer inklusiven Weiterbildung in Persönlicher Zukunftsplanung mitwirken würde. Dies sollte der Startschuss für eine weitere Entwicklungsrunde für Persönliche Zukunftsplanung im deutschsprachigen Raum sein. Leider wurde das Projekt zunächst nicht bewilligt, dafür aber Anfang 2009 ein entsprechendes Inklusionsprojekt „Neue Wege zur Inklusion – Zukunftsplanung in Ostholstein“ des Landes Schleswig-Holstein. Dieses Projekt ermöglichte, dass mit Oliver Koenig, Susanne Göbel, Carolin Emrich, Ines Boban und Andreas Hinz wesentliche Akteure der Persönlichen Zukunftsplanung im deutschsprachigen Raum gemeinsam mit der Entwicklung einer inklusiven Weiterbildung in Persönlicher Zukunftsplanung in Eutin beginnen konnten. Im zweiten Anlauf wurde dann das europäische Projekt „New Paths to Inclusion“ doch noch bewilligt und konnte im Herbst 2009 starten.

In den Projekten „Neue Wege zur Inklusion – Zukunftsplanung in Ostholstein“ und „New Paths to Inclusion“ wurden so in den Jahren 2009-2011 im Rahmen eines Inklusionsprojektes des Landes Schleswig-Holstein und eines europäischen Leonardo-Projekts von uns u.a. eine inklusive Weiterbildung in Persönlicher Zukunftsplanung mit zunächst 4 dann 6 Modulen à 2 Tagen und eine Aufbauschulung für Multiplikator*innen mit 4 weiteren Modulen entwickelt. Projektträger des Schleswig-Holsteiner Projekts war die Ostholsteiner gGmbH (damaliger Name: Ostholsteiner Behindertenhilfe) als veränderungsbereite Organisation, Kooperationspartner waren u.a. die Fachschule für Sozialpädagogik in Lensahn als Bildungsträger und die Universität Halle, die die wissenschaftliche Begleitung übernahm. Am 30.9.2010 fand in Lensahn der landesweite Fachtag „Neue Wege zur Inklusion“ statt, bei dem u.a. neben den Referent*innen, die Teilnehmer*innen der Weiterbildung ihre Erfahrungen zu verschiedenen Aspekten der Zukunftsplanung präsentierten[12].

Die Weiterbildung in Persönlicher Zukunftsplanung soll zur aktiven Unterstützung und Moderation eines Persönlichen Zukunftsplanungsprozesses befähigen. Im Rahmen dieser Weiterbildung werden auf der individuellen Ebene konkret Persönliche Zukunftsplanungen durchgeführt und persönliche Veränderungsprozesse begleitet. Der Aufbaukurs für Multiplikator*innen soll zur Weiterverbreitung der Idee und Methode von Persönlicher Zukunftsplanung qualifizieren. Das Projekt reagierte auf die Tatsache, dass es bisher keine strukturierte umfassende Weiterbildung im Bereich Persönlicher Zukunftsplanung gab. Wir haben uns dafür entschieden, diese Weiterbildung regional zusammen mit veränderungsbereiten Organisationen und verschiedenen Kooperationspartnern zu entwickeln, da wir meinen, dass Zukunftsplanung dann wirksam werden kann, wenn Organisationen vor Ort bereit sind, Zukunftsplanungen umzusetzen und ihr Dienstleistungsangebot weiter zu entwickeln. Neue Möglichkeiten für die Umsetzung von Zukunftsplänen ergeben sich außerdem, wenn man gezielt die Ressourcen in der Region in den Blick nimmt, verschiedene Menschen vernetzt und sich politisch für die Teilhabemöglichkeiten aller Menschen vor Ort und die Weiterentwicklung personenbezogener Dienstleistungen einsetzt[13].

Im Rahmen des europäischen Leonardo-Projektes „New Path to Inclusion“ mit Partner*innen in Österreich, der Tschechischen Republik, England, Luxemburg, der Slowakei und Südtirol wurde ein europäisches Curriculum für eine Weiterbildung in Persönlicher Zukunftsplanung mit 6 Modulen à zwei Tagen entwickelt und in Eutin, Wien und Prag erprobt. Durch die Projektpartnerschaft mit Helen Sanderson Associates (HSA) in Großbritannien haben wir die vielfältigen, ganz hervorragenden Materialien mit Methoden zum Personenzentrierten Denken und Planen kennengelernt und erste Materialien ins Deutsche übersetzt. So erschien das Minibuch „Personenzentriertes Denken“ erstmals auf Deutsch.[14] Das Buch „I want my dream“ wurde auf der Basis der neu gewonnenen Erkenntnisse grundlegend überarbeitet, der Textteil umfasst seither 80 Seiten, der Materialteil ist auf 120 Seiten angewachsen.

Es entstand als ein Ergebnis im Internet ein umfassendes Weiterbildungspaket unter http://trainingpack.personcentredplanning.eu/index.php/de/ zu den Themen personenzentriertes Denken und Persönliche Zukunftsplanung mit dem Curriculum der Weiterbildung, umfassenden Methodenbeschreibungen und Beispielen von Zukunftsplanungen. Diese Internetseite ist leider zurzeit offline, soll aber schnellstmöglich wieder online gehen.  Bereits kurz zuvor war für das Deutsche Institut für Menschenrechte im Rahmen des Online Handbuchs www.inklusion-als-menschenrecht.de ein umfangreicher Abschnitt zu Persönlicher Zukunftsplanung für Kinder und Familien erschienen.

Ines Boban wirkte an den inklusiven Weiterbildungen in Persönlicher Zukunftsplanung als Entwicklerin und Referentin mit und Andreas Hinz von der Martin-Luther-Universität Halle war an der wissenschaftlichen Begleitung der oben genannten Projekte[15] beteiligt. Darüber hinaus gab es 2010-2011 parallel noch ein weiteres Projekt in Kooperation der Martin-Luther-Universität und des Bundesverbandes für Körper- und Mehrfachbehinderte (bvkm), in dem eine weitere Weiterbildung mit dem Schwerpunkt MAPS und PATH in Halle entwickelt und durchgeführt wurde. Außerdem entstand daraus das Praxishandbuch Zukunftsfeste „Bürgerzentrierte Planungsprozesse in Unterstützerkreisen“[16] mit einer DVD mit Beispielen von Zukunftsfesten und Erläuterungen zum methodischen Vorgehen.

Zum Ende des bvkm-Projektes und des Projektes „New Paths to Inclusion“ fand in Trägerschaft des Bundesverbandes für Körper- und Mehrfachbehinderte und des Vereins Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland vom 7.- 8. Oktober 2011 mit John O’Brien die erste große deutschsprachige Fachtagung zum Thema Persönliche Zukunftsplanung unter dem Titel „Weiter denken: Zukunftsplanung“ mit 450 Personen in Berlin statt.[17] Am Ende einer lebendigen Tagung stand der Entwurf einer Grundsatzerklärung und der Plan ein deutschsprachiges Netzwerk Persönliche Zukunftsplanung zu gründen.

Gleich nach der Tagung initiierte Ulla Sievers eine bis heute bestehende Facebook- Seite für das Netzwerk. https://www.facebook.com/persoenlichezukunftsplanung

Seit 2009 werden umfangreiche inklusive Weiterbildungen in Persönlicher Zukunftsplanung angeboten. Neben der im Projekt New Paths to Inclusion entwickelten Weiterbildung mit 6 Modulen und der Weiterbildung mit dem Schwerpunkt MAPS und PATH in Halle, wurden auch Weiterbildungen in Persönlicher Zukunftsplanung in Kooperation mit der Ev. Hochschule Ludwigsburg in Baden-Württemberg und der Universität Hannover in Niedersachsen durchgeführt. Die im europäischen Projekt entwickelte inklusive Weiterbildung in Persönlicher Zukunftsplanung entwickelte eine eigene Dynamik. Nach den Pilotdurchgängen in Eutin, Wien und Prag fanden über 40 umfangreiche Weiterbildung in Persönlicher Zukunftsplanung im deutschsprachen Raum statt. So startete die Weiterbildung 2012 in Flensburg, Bad Oldesloe, Hamburg, 2013 in Innsbruck, Wien, Bremen, Gießen, Lüneburg, Graz, St. Gallen, Südtirol, Luxemburg, Hannover, 2014 in Salzburg, Innsbruck, Wilhelmshaven, Hamburg, Dresden und Zürich, 2015 in Bonn, Schönbrunn, Hannover, Wien und Zürich, 2016 in Lensahn, Hannover, Lüneburg, Luxemburg, Graz und Zürich, 2017 in Lensahn, Hückeswagen, Schönbrunn, Dresden, Wien und Gallneukirchen, 2018 in Zürich, Wien, Gallneukirchen. Ein Aufbaukurs für Multiplikator*innen lief 2013 in Norddeutschland, ein neuer ist 2019 geplant. Insgesamt sind bisher über 800 Personen im deutschsprachigen Raum umfassend in Persönlicher Zukunftsplanung geschult worden. So entsteht eine neue Generation von Zukunftsplaner*innen, Moderator*innen für Unterstützungskreise und Multiplikator*innen. Die Weiterbildungen bilden seither eine Keimzelle für die weitere Entwicklung und regionale Vernetzung der Aktiven. Die Weiterbildungen werden von den Teilnehmer*innen als für ihre persönliche und professionelle Entwicklung sehr bedeutsam angesehen. Auch wenn nur ein Teil von ihnen hinterher große Zukunftsplanungen mit Unterstützungskreisen moderiert, werden die Schärfung einer inklusiven personenzentrierten Grundhaltung und die Kenntnis der vielfältigen Mini-Methoden als sehr hilfreich erlebt und in die eigene Arbeit eingebracht. Im Laufe der Zeit bildete sich ein Kreis von ca. 50 Referent*innen und Kursbegleiter*innen im deutschsprachigen Raum heraus, die in wechselnden Konstellationen in den Weiterbildungen und Projekten zusammenarbeiten, sich gegenseitig inspirieren und mit ihren vielfältigen Fähigkeiten den Ansatz und die Kursmaterialien weiterentwickeln und auf Seminaren und zahlreichen Fachtagungen weitertragen.

Eine zunehmende Bedeutung haben auch an den Weiterbildungen beteiligte Organisationen, die ihre Arbeit in Folge dessen personenzentrierter und sozialräumlicher ausrichten wollen. So planten eine Reihe von Diensten und Einrichtungen ihre eigene Zukunft auf Organisations-Ebene und machen sich mit internen Projekten an die Umsetzung. Die Arbeit von balance in Wien ist ebenso ein Beispiel dafür wie das Angebot „Wunschwege“ von Leben mit Behinderung in Hamburg. In Wien und Graz wurden 2013 auch erstmals eine Weiterbildung mit 4 Modulen zum Thema „Personenzentriertes und sozialräumliches Denken und Handeln in Organisationen“ angeboten.

Nach einem Netzwerktreffen in Freising im Frühjahr 2012 fand vom 9.-10.Oktober 2012 die zweite deutschsprachige Fachtagung „Persönliche Zukunftsplanung – Lust auf Veränderung“ mit 250 Personen in Linz statt, die vom Zentrum für Kompetenzen und der Lebenshilfe Österreich veranstaltet wurde. Dort wurde das deutschsprachige Netzwerk Persönliche Zukunftsplanung gegründet. Im Frühjahr 2013 fand ein offenes Netzwerktreffen in Bozen statt.

Eva Herrmann baute für das Netzwerk Persönliche Zukunftsplanung unter  www.persoenliche-zukunftsplanung.eu eine neue deutschsprachige Internetseite auf, auf der neben aktuellen Infos, Terminen und Materialien auf einer interaktiven Landkarte auch Moderator*innen und Botschafter*innen für Persönliche Zukunftsplanung zu finden sind.

Vom 14.-16. November 2013 fand die dritte deutschsprachige Fachtagung mit dem Titel „Zukunftsplanung bewegt … Menschen, Organisationen, Regionen“ in Hamburg mit 300 Teilnehmer*innen statt, die von Leben mit Behinderung Hamburg in Kooperation mit dem Netzwerk Persönliche Zukunftsplanung und vielen regionalen Kooperationspartnern veranstaltet wurde. Ein besonderer inhaltlicher Schwerpunkt war u.a. durch die Referate von Beth Mount aus den USA und Frank Früchtel die Verbindung von Persönlicher Zukunftsplanung und der Sozialraumorientierung. So wie die Persönliche Zukunftsplanung dazu beitragen kann, sich der eigenen Gaben und Ziele bewusst zu werden, so bedarf es Orte im Sozialraum, an dem die Gaben einbracht werden können und für andere Menschen nutzbar werden.

Im Rahmen der Fachtagung 2013 wurde das Netzwerk Persönliche Zukunftsplanung ein eingetragener Verein nach deutschem Recht, um zukünftig als juristische Person agieren zu können. Das Netzwerk wird von einem Koordinationskreis als Vorstand koordiniert, der 5 bis 9 Personen mit und ohne Beeinträchtigungen umfassen soll, die die Vielfalt und unterschiedlichen Regionen des Netzwerkes widerspiegeln. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Netzwerk 187 Mitglieder aus dem gesamten deutschsprachigem Raum, darunter 43 Organisationen und 144 Einzelpersonen.

Von Anfang 2013 bis Ende 2015 lief unter der Koordination von Oliver Koenig als Nachfolge des New Path to Inclusion-Projektes das europäische Projekt „New Path to InclUsion Network“ mit 19 Partnerorganisationen aus 14 europäischen Ländern und Kanada unter der Begleitung von John O’Brien, einem der amerikanischen Pioniere der Persönlichen Zukunftsplanung. Ziel war es, die inklusive Weiterbildung in Persönlicher Zukunftsplanung weiterzuentwickeln und in weitere Länder zu verbreiten. So fanden neue Weiterbildungen in Kroatien, Portugal, Spanien, Rumänien, der Slowakei, Luxemburg, Südtirol und der Schweiz statt. Themenschwerpunkte des Projektes waren neben der inklusiven Weiterentwicklung der Weiterbildung, die Sozialraumorientierung und die personenzentrierte und sozialräumliche Organisationsentwicklung. Das Projekt orientierte sich an dem U-Prozess von Otto Scharmer[18], einem Zukunftsplanungsprozess, der sowohl für Organisationen als auch für Personen genutzt werden kann und sehr gut zur Persönlichen Zukunftsplanung passt. Die Theorie U bietet für diesen Prozess vielfältige hilfreiche Methoden an. Die Theorie U geht davon aus, dass die Lösung der Probleme der Zukunft nicht mit den Mitteln der Vergangenheit gelingen kann. Das Kunstwort „presencing“ bezeichnet dabei das Erspüren einer Zukunft, die noch nicht da ist, sich aber abzeichnet und geboren werden will.

Neben kleineren deutschsprachigen Netzwerktreffen wie in München im Mai 2014, finden seit dieser Zeit oft an den Orten der Weiterbildung regionale Netzwerktreffen und Fachtage statt, so z.B. in Norddeutschland, Hamburg, Bremen, Lüneburg, Eutin, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Bayern, Luxemburg und in Österreich. In Südtirol gründete sich bereits am 2.9.2012 das Netzwerk Persönliche Zukunftsplanung Südtirol und in der Schweiz am 24.10.2014 WINklusion – Netzwerk Persönliche Zukunftsplanung Schweiz als jeweils eigenständiger Verein. Die Mitglieder sind durch Doppelmitgliedschaft mit dem deutschsprachigen Netzwerk Persönliche Zukunftsplanung verbunden. Tobias Zahn bringt als Mitglied des Koordinationskreises und des Vorstandes von WINklusion das Thema Persönliche Zukunftsplanung als Pionier in der Schweiz weiter. Es gelingt Schweizer Fördermittel u.a. für die Entwicklung von Persönlicher Zukunftsplanung in der Schweiz und die Durchführung von Weiterbildungen in Persönlicher Zukunftsplanung zu akquirieren, die wissenschaftlich begleitet werden und zu einer Etablierung der Weiterbildung in der Schweiz führen.[19] Das Wintercamp Persönliche Zukunftsplanung in Lungern in den Schweizer Bergen gemeinsam mit Nicci Blok aus Österreich wird 2015, 2017 und 2018 zu einem lebendigen Ort des Ausprobierens Persönlicher Zukunftsplanung.

Die vierte Fachtagung „Zukunftsplanung überwindet Grenzen“ fand vom 12.-14.März 2015 in St.Gallen (Schweiz) und Bregenz (Österreich) statt und wurde von WINklusion, der Lebenshilfe Vorarlberg und dem Institut für Sozialdienste (ifs) gemeinsam organisiert. Am 12.3.2014 gestalteten Jack Pearpoint und Lynda Kahn, zwei weitere prominente Protagonisten der Persönlichen Zukunftsplanung aus Nordamerika mit 150 Teilnehmer*innen einen Workshop in St.Gallen, ehe vom 13.-14. März 2014 die Haupttagung mit 300 Teilnehmer*innen und die Mitgliederversammlung des Netzwerkes in Bregenz stattfand. Dort wurde auch der kleine Film Persönliche Zukunftsplanung von Barner 16 uraufgeführt, der im Rahmen der ersten Mikroförderung des Netzwerkes entstanden war. Die Mikroförderung, in der Regel in einer Höhe von bis zu 1000 Euro, wurde vom Netzwerk aufgelegt, um Aktivitäten innerhalb des Netzwerkes zu fördern.

Die seit 2013 bestehenden Netzwerknachrichten wurden im Sommer 2015 zu einem Newsletter des Netzwerkes Persönliche Zukunftsplanung für Mitglieder weiterentwickelt, der seitdem 3-4-mal jährlich erscheint. Es erschien das Buch Zukunftsplanung als Schlüsselelement von Inklusion. Praxis und Theorie personenzentrierter Planung“ von Robert Kruschel und Andreas Hinz[20], in dem Erfahrungen von Zukunftsplanung aus dem deutschsprachigen Raum, Europa und den USA zusammengetragen werden.

Am 4. November 2015 fand die Abschlusstagung des europäischen Projektes „New Path to InclUsion Network“ in Wien mit 120 Teilnehmer*innen statt, am 5.11.2015 ein Netzwerktag mit Mitgliederversammlung und vom 6.-7.11.15 eine Weiterbildung mit John O`Brien und Beth Mount zum Thema „cultivating social fields“ mit 100 Teilnehmer*innen. Themen des Netzwerktages waren die Stärkung von Zukunftsplanung durch unabhängige Moderator*innen, personenzentrierte und sozialräumliche Organisationsentwicklung, die Gestaltung von inklusiven Lernräumen und Zukunftsplanung mit Unterstützungskreisen für alle Menschen im Sozialraum. Hier zeigt sich, wie die europäischen Projekte eine wichtige Ressource für die Vernetzung wesentlicher Akteure sowie die inhaltliche und fachliche Weiterentwicklung des Ansatzes der Persönlichen Zukunftsplanung im deutschsprachigen und europäischen Raum waren. Sie boten Ressourcen in Form von Reisekosten und bezahlten Arbeitstagen sich innerhalb von Europa zu treffen, Ideen und Materialien auszutauschen, zu übersetzen, zu erproben und weiterzuentwickeln. Gerade die Einbeziehung von Expert*innen aus dem englischsprachigen Raum wie Helen Sanderson aus Großbritannien im ersten Projekt, Julie Lunt, Beth Mount, Jack Pearpoint, Lynda Kahn und vor allem John O`Brien aus den USA als Projektbegleiter im zweiten Projekt ermöglichte einen umfassenden Wissenstransfer und eine gemeinsame Weiterentwicklung. Oliver Koenig war als Initiator und Koordinator des Projektes und durch seine Mitarbeit im Koordinationskreis des Netzwerkes Persönliche Zukunftsplanung ein wesentlicher Impulsgeber für die Entwicklung in Österreich sowie im deutschsprachigen und europäischen Raum.

Das Netzwerk Persönliche Zukunftsplanung stellte ab Februar 2016 mit 10 Stunden in der Woche mit Petra Orth aus Hamburg eine Koordinatorin an, die die Aufgaben des ehrenamtlichen Koordinationskreises unterstützt, u.a. den Newsletter herausbringt, Anfragen beantwortet und die Mitglieder und Finanzen des Netzwerkes verwaltet. Der Koordinationskreis des Netzwerkes trifft sich zwei bis dreimal jährlich an unterschiedlichen Orten im deutschsprachigen Raum, meist sind diese Treffen offene Treffen, an denen alle Interessierten des Netzwerkes teilnehmen können.

Unter der Leitung von Antje Morgenstern und Carolin Emrich traf sich 2014-2016 mehrmals eine Kursentwickler*innen- Gruppe von aktiven Referent*innen und Kursbegleiter*innen der Weiterbildungen und hat gemeinsame Leitlinien des Netzwerkes für Weiterbildungen in Persönlicher Zukunftsplanung herausgegeben.[21] Ein erneutes Treffen zum Thema der Gestaltung von inklusiven Lernräumen ist für Anfang Dezember 2018 geplant.

Sandra Fietkau untersuchte im Rahmen ihrer Promotion Unterstützer*innen-Kreise im internationalen Vergleich[22]. In diesem Zusammenhang gelangt auch die Idee in den deutschsprachigen Raum Unterstützungskreise als zielgruppenübergreifende Unterstützungsmöglichkeit für alle Menschen im Sozialraum anzubieten, wie es die Grundidee der community circles in Großbritannien ist.

Zu dieser Zeit greift Frank Früchtel unter dem Begriff der „relationalen Sozialarbeit“ [23] einen neueren, interessanten Diskurs auf, der versammelnde, vernetzende und kooperative Hilfeformen in der Sozialen Arbeit wie die Arbeit mit Unterstützungskreisen (circles of support) in der Persönlichen Zukunftsplanung, die Arbeit mit dem Familienrat[24] (family group conferencing) in der Kinder- und Jugendhilfe oder mit Friedenszirkeln (restorative circles) in der Konfliktlösung zusammenfasst und die Gemeinsamkeiten der Ansätze erkundet. Die Stärkung und der Aufbau von Beziehungen, gegenseitige Hilfe und Problemlösung, die Aktivierung von „Wir-Hilfe“ werden darin als wesentlich gesehen. Für viele Menschen stellt es zunächst auch eine Überwindung dar, andere Menschen um Unterstützung zu bitten. In einer Zeit, in der es in unserer Gesellschaft nicht mehr selbstverständlich ist, sich in großer Runde zusammenzusetzen, um Probleme zu besprechen, sondern man eher alleine, im engsten Familienkreis oder mit professioneller Hilfe nach Lösungen sucht, erscheint der Unterstützungskreis oder Familienrat als „soziale Zumutung“[25]. Es zeigt sich beispielsweise, dass sowohl bei der Arbeit mit Familienräten als auch mit Unterstützungskreisen ähnliche, isolierenden Vorbehalte auftreten, die es zu überwinden gilt.[26] Menschen benötigen häufig Ermutigung und Zuversicht, dass es sich lohnt, gemeinsam mit anderen wohlgesonnenen Menschen über die Zukunft nachzudenken und Probleme und Konflikte zu lösen.

Vom 27.-29.10.2016 fand die fünfte deutschsprachige Fachtagung „Persönliche Zukunftsplanung bewegt – Wandel in der Tat“ mit 150 Personen an der inklusiven Sophie-Scholl-Schule der Lebenshilfe in Gießen statt. Die Tagung begann mit einer Open Space Konferenz sowie Hanns Meissner aus den USA als Gastredner und wurde in einem kleinen Videofilm sowie – wie alle Tagungen –  auf der Internetseite des Netzwerkes dokumentiert. Im Zusammenhang mit der Tagung wurden auch Geschichten von Persönlichen Zukunftsplanungen von der Journalistin Grit Grotemeyer aufgeschrieben und ab Frühjahr 2017 im neuen Blog des Netzwerkes https://zukunftsplanungblog.wordpress.com/ veröffentlicht.

In einer größeren Umfrage mit über 350 Teilnehmer*innen erkundete Oliver Koenig im Juni 2017 über das Netzwerk Persönliche Zukunftsplanung unter den ausgebildeten Moderator*innen die Verbreitung von Persönlicher Zukunftsplanung. Interessant war, dass die Befragten angaben insgesamt über 2.000 Persönliche Zukunftsplanungen entweder als Moderator*innen oder Zeichner*innen begleitet zu haben, davon 450 im ersten Halbjahr 2017. Dabei ist auffällig, dass einige wenige Personen, die in ihrer Einrichtung im Rahmen ihrer Arbeit z.B. regelhaft Persönliche Lagebesprechungen als Form der Persönlichen Zukunftsplanung eingeführt haben oder ein Projekt zur Persönlichen Zukunftsplanung haben, auf eine hohe Anzahl von persönlichen Zukunftsplanungen kommen, während die Anzahl von Zukunftsplanungen unabhängig von Organisationen deutlich kleiner ist. Auch wenn genauer zu erkunden ist, welche Formen von Persönlicher Zukunftsplanung genau durchgeführt wurden, verweisen die Ergebnisse darauf, dass sich die Methoden der Persönlichen Zukunftsplanung weiter verbreiten und Persönliche Zukunftsplanung mittlerweile Teil des Angebotes von einigen Organisationen und unabhängigen, meist nebenberuflich tätigen Moderator*innen ist.

Vom 22.-24. September 2017 gab es unter dem Motto „Gemeinsam weiter gehen“ ein kleines Netzwerktreffen und eine Mitgliederversammlung des deutschsprachigen Netzwerks Persönliche Zukunftsplanung in Ludwigsburg. Ein große Bedeutung haben weiterhin regionale Netzwerktreffen und Fachtage wie z.B. das österreichische Netzwerktreffen vom 17.-18.11.17 in Linz, der Schweizer Fach*Tat*Tag am 26.6.18 in Winterthur oder das norddeutsche Netzwerktreffen am 21.4.18 in Hamburg. Das Netzwerk war mit einem Stand auf dem Kirchentag im Mai 2017 in Berlin vertreten oder beteiligte sich an verschiedenen Fachtagungen. Vom 17.-19. Oktober 2019 ist die sechste deutschsprachige Fachtagung in Persönlicher Zukunftsplanung in Kooperation mit APEMH in Hosingen in Luxemburg geplant. Das Netzwerk Persönliche Zukunftsplanung hat Mitte September 2018 300 Mitglieder, davon 59 Organisationen und 241 persönliche Mitglieder.

Herausforderungen für die zukünftige Entwicklung

Dieser Abriss der Entwicklung von Persönlicher Zukunftsplanung im deutschsprachigen Raum zeigt eine Fülle der Erfahrungen. Die Methoden der Persönlichen Zukunftsplanung werden mittlerweile in den verschiedensten Zusammenhängen der Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigungen im deutschsprachigen Raum genutzt. Dennoch ist es noch immer nicht leicht, bei Bedarf eine Persönliche Zukunftsplanung zu bekommen und außerhalb der Behindertenhilfe ist der Ansatz noch weitgehend unbekannt.

In den kommenden Jahren wird es darauf ankommen, Persönliche Zukunftsplanung und Unterstützungskreise für alle, die es wollen, zu ermöglichen. Es geht darum, den Ansatz und die Methoden in die Breite zu bringen und für neue Zielgruppen zugänglich zu machen. Es ergibt in diesem Zusammenhang Sinn über den Tellerrand zu schauen und sich auch mit anderen ähnlichen, versammelnden, vernetzenden und kooperativen Hilfeformen und deren Wirkmechanismen zu beschäftigen und sich mit anderen Feldern der sozialen Arbeit zu vernetzen. Die Idee Unterstützungskreise im Sinne der community circles zielgruppenübergreifend als sozialräumliches Angebot für alle, die es wollen, modellhaft zu erproben und weiter zu erforschen, halte ich für sehr lohnend.

Noch erscheint es schwer, in einer zielgruppenorientierten Finanzierungs- und Förderlandschaft dafür zielgruppenübergreifend sozialräumliche Finanzierungsmöglichkeiten zu erschließen. Vielleicht ist ein Zwischenschritt verschiedene, zielgruppenspezifische Fördermöglichkeiten z.B. für Jugendliche, für alte Menschen, für arbeitssuchende Menschen, für Flüchtlinge und für Menschen mit Beeinträchtigungen zu nutzen und zu kombinieren. Für Menschen mit Beeinträchtigungen in Deutschland bietet die Möglichkeit einer Assistenz zur persönlichen Lebensplanung (§78 SGB IX-neu) dafür sicher einen guten Ansatzpunkt. Das Bundesteilhabegesetz definiert in § 78 SGB IX-neu zum ersten Mal übergreifend in Deutschland den Begriff der Assistenzleistung. Als ein wesentlicher Bereich werden dort die Assistenz zur „persönlichen Lebensplanung“ (§ 78 (1) SGB IX-neu) genannt. Hier besteht ein Ansatzpunkt zukünftig mit Personen mit Beeinträchtigung eine umfassende persönliche Lebensplanung als qualifizierte Assistenz durch entsprechend geschulte Fachkräfte begleiten und z.B. mit Methoden der Persönlichen Zukunftsplanung gestalten zu können.[27] Es wird für diese Zielgruppe darum gehen, eine gute Verzahnung von Persönlicher Zukunftsplanung und individueller Hilfe- und Teilhabeplanung zu erreichen sowie gute personenzentrierte Unterstützungsangebote und Teilhabemöglichkeiten im Sozialraum zu entwickeln. Deshalb kommt der Zukunftsplanung für personenzentrierte und sozialräumlich orientierte Organisationen und inklusive Regionen eine besondere Bedeutung zu.

Persönliche Zukunftsplanung hat immer auch eine sozialpolitische Dimension. Persönliche Zukunftsplanung ist ein Ansatz, um Inklusion vor Ort zu ermöglichen. Sie zielt auf die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen in ihrer Verschiedenheit und Verbundenheit. Inklusion kann in diesem Zusammenhang nach Früchtel nicht als Zustand der Gleichberechtigung, sondern als ein ständiger sozialer interaktiver Prozess verstanden werden, „in dem sich Menschen und deren Kommunikation berühren, anstoßen, abstoßen, einen Prozess, in dem Inklusion immer wieder neu entsteht und zerfällt, in Interaktionen, gemeinsamen Handeln, in Zusammenkünften, in Assoziationen.“[28] Hilfreiche Unterstützung ist in diesem Zusammenhang eine Beziehungs-, Netzwerks- und Versammlungsarbeit, die Menschen und Orte zu verknüpfen versteht, damit gemeinsames Handeln und „Wir-Hilfe“ entsteht.

Persönliche Zukunftsplanung ist ein werteorientierter Ansatz, bei dem die Grundhaltung, aus der gehandelt wird, entscheidend ist. Es wird deshalb auch darum gehen Qualität zu definieren und zu sichern, damit Persönliche Zukunftsplanung nicht zu einem Begriff wird, der für Fragwürdiges herhalten muss. Es gilt vor allem eine gute Praxis zu entwickeln und zu dokumentieren sowie durch Weiterbildung und Öffentlichkeitsarbeit die Ideen und Methoden der Persönlichen Zukunftsplanung auch im Hinblick auf andere Zielgruppen weiterzutragen, zu erproben und weiter zu entwickeln. Dafür braucht es engagierte Praktiker*innen, Entwickler*innen, Moderator*innen und Botschafter*innen mit vielfältigen Fähigkeiten und einer gemeinsamen Grundhaltung.

Das Netzwerk Persönliche Zukunftsplanung kann in diesem Zusammenhang ein Netz der Aktiven sein, das vielfältige Begegnungen und Beziehungen, Verknüpfungen und Anknüpfungspunkte, Informationsaustausch und Weiterentwicklung ermöglicht. Beth Mount, eine der Begründerinnen der Persönlichen Zukunftsplanung, hat zurecht darauf hingewiesen, dass das Feld so fruchtbar, wie die Beziehungen zwischen den Menschen sei. Die Infrastruktur eines Netzwerkes benötigt Ressourcen und Raum für eine gemeinsame Arbeit und Begegnung sowie eine Mischung von neuen und erfahrenen aktiven Menschen, die Lust, Zeit, Energie und Ideen haben, sich einzubringen. Die Generation der Pioniere eignet sich meist nur für die Anfangszeit von Organisationen, dann ist ein Wechsel notwendig, wenn eine Organisation nicht von einzelnen Menschen abhängen soll. Neue gemeinsame Entwicklungs- und Praxisprojekte können, wie in der bisherigen Geschichte gezeigt, dafür sehr hilfreich sein.

Literatur

Adler, Judith, Georgi-Tscherry, Pia: Persönliche Zukunftsplanung mit Menschen mit körperlicher und intellektueller Beeinträchtigung und ihr Beitrag zu Veränderungen. Zürich: Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik 2017 Verfügbar unter: https://www.vereinigung-cerebral.ch/fileadmin/media/Dachverband/Dokumente/docs_Tat/docs_PZP/Persoenliche_Zukunftsplanung_Studie_def.pdf

Arnold, Rosmarie/ Bertogg, Luzia (2015): Weiterbildungen zur Persönlichen Zukunftsplanung (PZP). Wissenschaftliche Begleitung St.Gallen: Institut für Soziale Arbeit IFSA- FHS St. Gallen.

Boban, Ines/ Hinz, Andreas: Persönliche Zukunftskonferenzen. Unterstützung für individuelle Lebenswege. In: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft, 4/5/99, 13-23. Im Internet: http://bidok.uibk.ac.at/library/beh4-99-konferenz.html

Bundesarbeitsgemeinschaft Unterstützte Beschäftigung (BAG UB) (Hrsg.) (2011): Impulsethema Persönliche Zukunftsplanung. Anwendungsbeispiele –Anregungen – Analysen. Im Internet: http://trainingpack.personcentredplanning.eu/attachments /article/159/impulse_SonderheftZukunftsplanung_Downloadversion.pdf

Doose, Stefan: Persönliche Zukunftsplanung als Methode der Assistenz zur persönlichen Lebensplanung (§ 78 SGB IX-neu). (2017) Verfügbar unter: https://zukunftsplanungblog.wordpress.com/2017/10/16/persoenliche-zukunftsplanung-als-methode-der-assistenz-zur-persoenlichen-lebensplanung-%c2%a7-78-sgb-ix-neu/

Doose, Stefan: Partizipation im Rahmen von Prozessen der Hilfe- und Zukunftsplanung. Teilhabe an einem guten Leben als Zielperspektive – Behinderung als Ausgangssituation. In: Düber, Miriam; Rohrmann, Albrecht; Windisch, Marcus (Hrsg.): Barrierefreie Partizipation. Entwicklungen, Herausforderungen und Lösungsansätze auf dem Weg zu einer neuen Kultur der Beteiligung. Weinheim und Basel: Beltz Juventa 2015, 342-355.

Doose, Stefan: „I want my dream!“ Persönliche Zukunftsplanung. Neue Perspektiven einer personenzentrierten Planung mit Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen. Buch mit Materialienteil. Hamburg 1996; 10. aktualisierte Auflage Neu-Ulm 2013.

Doose, Stefan: Vieles beginnt mit einem Traum. Erfahrungen aus zwei Modellprojekten zur Entwicklung einer inklusiven Weiterbildung in Persönlicher Zukunftsplanung. In: impulse (2010), 18-25.

Doose, Stefan; Emrich, Carolin; Göbel, Susanne: Käpt’n Life und seine Crew. Ein Planungsbuch zur Persönlichen Zukunftsplanung. Zeichnungen von Tanay Oral. Netzwerk People First Deutschland (Hrsg.) 2004, 5. aktualisierte Auflage Neu-Ulm: AG SPAK, 2013.

Doose, Stefan/Göbel, Susanne: Studieren in den USA – Anregungen für die Integrationsentwicklung in Deutschland. In: Hinz, Andreas, Boban, Ines (Hrsg.): Gemeinsamer Unterricht im Dialog. Vorstellungen nach 25 Jahren Integrationsentwicklung. Weinheim und Basel 2004, 90-100.

Emrich, Carolin; Gromann, Petra; Niehoff, Ulrich: Gut Leben. Persönliche Zukunftsplanung realisieren – ein Instrument. Erstauflage 2006, 3. Auflage, Marburg: Lebenshilfe-Verlag, 2012.

Evangelische Stiftung Alsterdorf. Geschäftsbereich HamburgStadt: Handbuch zur Assistenzplanung. 3. Auflage Hamburg 1999.

Fietkau, Sandra: Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung im internationalen Vergleich. Weinheim: Beltz Juventa 2017.

Früchtel, Frank, Roth, Erzsébet: Familienrat und inklusive, versammelnde Formen des Helfens. Heidelberg: Carl-Auer 2017

Früchtel, Frank / Straßner, Mischa /  Schwarzloos, Christian (Hrsg.): Relationale Sozialarbeit. Versammelnde, vernetzende und kooperative Hilfeformen. Weinheim Basel: Beltz Juventa 2016

Hamburger Arbeitsassistenz: talente. Ein Angebot zur Förderung von Frauen mit Lernschwierigkeiten im Prozess beruflicher Orientierung und Qualifizierung. Theoretische Grundlagen, Projektbeschreibung, Methoden, Materialien, Filme, Begleit-DVD. Hamburg: Hamburger Arbeitsassistenz 2008.

Hamburger Arbeitsassistenz: bEO – berufliche Erfahrung und Orientierung. Theoretische Grundlagen, Projektbeschreibung, Methoden, Materialien, Begleit-CD. Hamburg: Hamburger Arbeitsassistenz 2007.

Hinz, Andreas/ Kruschel, Robert: Bürgerzentrierte Planungsprozesse in Unterstützerkreisen. Praxishandbuch Zukunftsfeste. Düsseldorf: verlag selbstbestimmtes leben 2013.

Hinz, Andreas, Friess, Sabrina, Töpfer, Juliane: Neue Wege zur Inklusion – Zukunftsplanung in Ostholstein. Inhalte – Erfahrungen – Ergebnisse. Marburg: Lebenshilfe Verlag 2012.

Kruschel, Robert; Hinz, Andreas (Hrsg.): Zukunftsplanung als Schlüsselelement von Inklusion. Praxis und Theorie personenzentrierter Planung. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt 2015.

Lunt, Julie & Hinz, Andreas (Eds.): Training and Practise in Person Centred Planning – A European Perspective. Dalrymple and Verdun, 2011.

Ministerium für Arbeit, Soziales, Familie und Gesundheit des Landes Rheinland-Pfalz (Hrsg.): Handbuch zur Individuellen Hilfeplanung in Rheinland-Pfalz. Mainz 2005. Im Internet Im Internet: http://msagd.rlp.de/fileadmin /masgff/soziales/Menschen_mit_Beeinträchtigungen/Handbuch_12_05.pdf

Netzwerk Persönliche Zukunftsplanung (Hrsg.): Leitlinien des Netzwerks Persönliche Zukunftsplanung e.V. für inklusive Weiterbildungen in Persönlicher Zukunftsplanung (2016). Online: https://www.persoenliche-zukunftsplanung.eu/fileadmin/Webdata/NPZP/NPZP-PDFs_DOCs/leitlinien-weiterbildungen-pzp-05.2016.pdf

Niedermair, Claudia: »Ich möchte arbeiten« Eingliederung von Jugendlichen mit schwerer Behinderung in den regionalen Arbeitsmarkt in Österreich. In: Geistige Behinderung 43 (2004), H.1, 66-80.

Niedermair, Claudia: “Ich möchte arbeiten” Zur Gestaltung integrativer Übergänge zwischen Schule und Berufswelt für Jugendliche mit schweren Beeinträchtigungen. In: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (1998), H. 4/5, 21-32. Im Internet: http://bidok.uibk.ac.at/library/beh4-99-arbeiten.html

Niedermair, Claudia/ Tschann, Elisabeth: „Ich möchte arbeiten“ Porträts von sechs Jugendlichen. In: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (1999), H. 4/5, 24-36. Im Internet: http://bidok.uibk.ac.at/library/beh4-99-portraits.html

Niedermair, Claudia/ Tschann, Elisabeth: „Ich möchte arbeiten“ Der Unterstützungskreis In: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (1999), H. 4/5, 37-42

O’Brien, John/ O’Brien, Connie Lyle: The Origins of Person-Centered Planning. In: O’Brien, John/ O’Brien, Connie Lyle (Hrsg.): Implementing Person Centered Planning. Voices of Experience. Toronto: Inclusion Press, 2002.

Sanderson, Helen & Goodwin, Gill (Hrsg.): Minibuch Personenzentriertes Denken. Deutsche Übersetzung Stefan Doose, Susanne Göbel, Oliver Koenig. HSA The Learning Community: Stockport, 2010. Im Internet: http://trainingpack.personcentredplanning.eu/attachments/article/206/HSAminibookGerman.pdf

Scharmer, Otto: Theorie U: Von der Zukunft her führen. Heidelberg: Carl-Auer-Verlag, 2009

Van Kan, Peter; Doose, Stefan: Zukunftsweisend. Peer Counceling und Persönliche Zukunftsplanung. Kassel: bifos, 1999.

von Lüpke, Klaus: Nichts Besonderes. Zusammen-Leben und Arbeiten von Menschen mit und ohne Behinderung. Essen: Klartext-Verlag, 1994. Im Internet: http://bidok.uibk.ac.at/library/luepke-nichtsbesonderes.html

 

Eine aktuelle, ausführliche Literatur- und Linkliste der deutschsprachigen Literatur zum Thema Persönliche Zukunftsplanung findet sich unter https://www.persoenliche-zukunftsplanung.eu/materialien/links-und-literatur.html

Endnoten

[1] Ein Überblick der Ursprünge von Person Centered Planning findet sich in O’Brien /O’Brien 2002a

[2] Dieser Artikel ist eine aktualisierte, überarbeitete Version von Doose 2013, 4-9. Stand aller Angaben und Links: 28.8.2018

[3] Vgl. Doose/Göbel 2004

[4] Von Lüpke 2004

[5] Doose 1996, 1998 ; Boban/Hinz 1999

[6] Van Kan/ Doose 1999

[7] Niedermair 1999, Niedermair/Tschann 1999, Niedermair 2004

[8] Doose, Emrich, Göbel 2004/ 2013

[9] Emrich, Gromann, Niehoff 2006/ 2012

[10] Hamburger Arbeitsassistenz 2007, 2008

[11] Ev. Stiftung Alsterdorf 1999, Ministerium für Arbeit, Soziales, Familie und Gesundheit des Landes Rheinland-Pfalz 2005.,

[12] vgl. Doose 2010,Hinz, Friess, Töpfer 2012

[13] vgl. Doose 2010, Hinz, Friess, Töpfer 2012, www.personcentredplanning.eu

[14] Sanderson/Goodwin 2010, viele Materialien und Informationen auf Englisch gibt es auf der Homepage von HSA www.helensandersonassociates.co.uk

[15] Hinz, Friess, Töpfer 2012, Lunt/Hinz 2011

[16] Hinz/Kruschel 2013

[17] Dokumentation siehe https://www.persoenliche-zukunftsplanung.eu/tagungen/berlin-2011.html , Schwerpunktheft Persönliche Zukunftsplanung der impulse, BAG UB 2011

[18] Scharmer 2009, http://www.presencing.com

[19] Arnold/Bertogg 2015, vgl. auch Adler/Georgi-Tscherry 2017

[20] Kruschel/Hinz 2015

[21] Netzwerk Persönliche Zukunftsplanung 2016

[22] Fietkau 2017

[23] Früchtel 2016, Früchtel/Roth 2017

[24] Früchtel/Roth 2017

[25] Früchtel/Roth 2017, 83

[26] Früchtel/Roth 2017, 76 ff.

[27] Doose 2017

[28] Früchtel 2016, 22

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