Zutaten für eine Persönliche Zukunftsplanung – das Gute und Passende leben

Das gute Leben – das Gute leben und aufblühen

Ziel von Persönlicher Zukunftsplanung ist ein gutes, glückliches Leben. Die Frage, was ein glückliches Leben sei, lässt sich bis in die griechische Philosophie zu Aristoteles zurückverfolgen. Hilfreich ist die Unterscheidung zwischen dem angenehmen Leben – dem Wohlfühlglück und dem erfüllten Leben – dem Werteglück[1]:

Das Wohlfühlglück, auch hedonistisches Glück genannt, besteht darin, Tätigkeiten zu tun, die uns gefallen, angenehme Gefühle zu haben und Schmerz zu vermeiden. So kann ein Strandspaziergang, ein wohltuendes Bad, eine Reise oder ein gutes Gespräch mit Freund*innen zu unserem subjektiven Wohlbefinden beitragen.

Das Werteglück, auch eudaimonisches Glück genannt, entsteht, wenn Menschen ihre persönlichen Werte und Ziele verfolgen und dabei ihre Kompetenzen in sozialer Verbundenheit einbringen können. Wir geben unser Bestes. Wenn wir unsere Werte und Ziele konsequent verfolgen, nehmen wir für dieses Glück durchaus auch unangenehme Gefühle in Kauf, weil wir überzeugt sind, dass es richtig ist.

Carol Ryff hat sich mit der Frage beschäftigt, was dazu beiträgt, dass Menschen mit ihrem Leben zufrieden sind. Sie hat dabei sechs Faktoren für psychisches Wohlbefinden identifiziert[2]:

  • sich selbst akzeptieren
  • positive Beziehungen
  • Autonomie – Selbstbestimmtheit
  • Selbstwirksamkeit – aktive Gestaltung von Lebensumständen
  • Sinn im Leben – relevante persönliche Ziele
  • persönliches Wachstum

Martin Seligman hat untersucht, was dazu beiträgt, dass Menschen sich persönlich gut weiterentwickeln und „aufblühen“ (flourishing). In seinem PERMA-Modell des Wohlbefindens[3] greift er fünf Faktoren auf, die gut mit den oben genannten Faktoren des psychischen Wohlbefindens zusammen passen:

  • Positive Emotionen
  • Engagement
  • Relationship – positive Beziehungen
  • Meaning – Sinn
  • Accomplishment – Gelingen

Für die Persönliche Zukunftsplanung ist es wichtig, solche persönlichen Entwicklungsprozesse und Prozesse des persönlichen „Aufblühens“ zu unterstützen. Die genannten Faktoren sind dafür gute Zutaten und Hinweise für relevante Planungsthemen. Wichtig für positive Entwicklungsprozesse und ein gutes Leben ist es auch, bewusst im Alltag dafür zu sorgen, dass man das „Gute leben“[4] kann und bewusst die gelingenden Momente wahrnimmt.

„Das gute Leben ist ein Prozess, kein Zustand“
Carl Rogers

Das passende Leben – das Passende leben

Das gute Leben ist, wie eben aufgezeigt, ein Leben, was zu subjektivem und psychischem Wohlbefinden führt. Es entsteht, indem Menschen gemäß ihrer persönlichen Werte leben, ihre persönlichen Bedürfnisse befriedigen, ihre Kompetenzen in sozialer Verbundenheit einbringen und ihre persönlichen Lebensziele verfolgen können. Es gibt aber nicht das eine, für alle gleichermaßen gute, glückliche Leben. Remo Largo begründet in seinem Buch „das passende Leben“[5], wieso Menschen so unterschiedlich sind, dass die Frage nach dem guten, glücklichen Leben immer die Frage der Passung ist. Gelingt es uns, das für uns Passende zu leben? Remo Largo hat sein ganzes Berufsleben die Entwicklung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit und ohne Beeinträchtigung untersucht. Dabei spielen die Befriedigung der Grundbedürfnisse, die Entwicklung von vielfältigen Kompetenzen und eigenen Wertvorstellungen eine entscheidende Rolle für die Ausprägung unserer Individualität. Hier einige seiner zentralen Erkenntnisse, die für die Persönliche Zukunftsplanung eine entscheidende Bedeutung haben:

Bedürfnisse

Die Befriedigung unserer Grundbedürfnisse ist eine elementare Basis unseres Lebens und damit auch eine wichtige Orientierung für die Persönliche Zukunftsplanung. Remo Largo nennt sechs Grundbedürfnisse des Menschen[6]. Es sind die Bedürfnisse nach:

  1. körperlicher Integrität
  2. Geborgenheit
  3. sozialer Anerkennung
  4. Selbstentfaltung
  5. Leistung
  6. existenzieller Sicherheit

Obwohl diese Grundbedürfnisse universell bei jedem Menschen vorhanden sind, so sind sie doch individuell und nach Lebenssituation unterschiedlich stark ausgeprägt. Wenn Sie über Ihre Bedürfnisse nachdenken und auf einer Skala von 0 bis 10 (0 = gar nicht wichtig, 10 = sehr wichtig) die Bedeutung der unterschiedlichen Bedürfnisse für sich erfassen, erhalten Sie ein Bedürfnisprofil, was sich höchstwahrscheinlich bemerkenswert von dem anderer Menschen unterscheidet.

„Jeder Mensch hat sein ihm eigenes Bedürfnisprofil“
Remo Largo

Für die eine Person ist existenzielle Sicherheit und Leistung die Triebfeder ihres Handelns, für jemand anderen ist das Wesentliche Geborgenheit und körperliche Gesundheit, für den nächsten ist Selbstentfaltung und soziale Anerkennung besonders wichtig, während er bei der existenziellen Sicherheit geringere Ansprüche hat. Es ist also wichtig, die eigenen individuellen Bedürfnisse in der jetzigen Lebenssituation zu erkunden, um dann zu schauen, was für mich passt oder nicht passend ist. Eine Beeinträchtigung und Behinderungen in vielen Lebensbereichen können dabei für Menschen eine spezielle Ausgangssituation darstellen, die ihre Bedürfnisse mitbestimmen. Gleichwohl gilt ansonsten, dass die Grundbedürfnisse eines Menschen mit Beeinträchtigung ebenso unterschiedlich und vielfältig ausgeprägt sind wie bei Menschen ohne Beeinträchtigung auch.

Kompetenzen

Menschen haben so unterschiedliche Begabungen, dass eine einzige Zahl wie der Intelligenzquotient dem nicht gerecht wird.[7] Dieser wird aber unter anderem dafür herangezogen, ob jemand als „geistig behindert“, das heißt kognitiv beeinträchtigt, gilt. Howard Gardner[8] hat mit seinem Konzept der multiplen Intelligenzen darauf hingewiesen, dass der Mensch mindestens acht verschiedene Intelligenzbereiche hat. Remo Largo greift dies auf und definiert acht Kompetenzbereiche:

  1. soziale
  2. sprachliche
  3. musikalische
  4. figural-räumliche
  5. logisch-mathematische
  6. zeitlich-planerische
  7. motorisch-kinästhetische
  8. körperliche

Wenn Sie jetzt wiederum eine Selbsteinschätzung auf einer Skala von 0 bis 10 machen sollten, wie stark die verschiedenen Kompetenzbereiche bei Ihnen ausgeprägt sind, würden wir ein sehr individuelles Kompetenzprofil bekommen.

„Jeder Mensch hat ein einmaliges Puzzle von Kompetenzen.“
Remo H. Largo

Tatsächlich weist Remo Largo in seinen Entwicklungsstudien nach, dass das Kompetenzprofil von Personen gleichen Alters signifikant voneinander abweicht.[9]

Wertevorstellungen und Überzeugungen

Hinzu kommt noch, dass sich auch unsere persönlichen Wertvorstellungen und Überzeugungen, die unser Leben leiten, bedeutsam unterscheiden.

Das Fit-Prinzip

Die Grundlage von Persönlicher Zukunftsplanung ist deshalb, sich über die eigenen Grundbedürfnisse, Kompetenzen und Wertvorstellungen bewusst zu werden, um zu einem für sich passenden Leben zu kommen. Remo Largo nennt dies das Fit-Prinzip. Dieses passende Leben sieht für jeden Menschen anders aus. Menschen können eben nicht irgendein Leben, sondern nur ihr eigenes leben.[10] Was für die planende Person gerade passt, hängt neben den oben genannten Punkten auch davon ab, welche Erfahrungen die Person bisher in ihrem Leben gemacht hat, in welcher Lebenssituation sie sich gerade befindet und was sie von der Zukunft erwartet.

Die Elemente des Fit-Prinzips[11]

  • Jeder Mensch ist einmalig.
  • Jeder Mensch will seine Grundbedürfnisse befriedigen.
  • Jeder Mensch will seine Kompetenzen entfalten und nutzen.
  • Jeder Mensch entwickelt seine eigenen Vorstellungen und Überzeugungen
  • Jeder Mensch macht seine eigenen Erfahrungen, die seine Individualität mitbestimmen.
  • Jeder Mensch strebt danach, seine Individualität in Übereinstimmung mit der Umwelt zu leben.

Misfit-Konstellationen

Misfit-Konstellationen sind hingegen Situation, in denen die jetzige Lebenssituation nicht zu den Grundbedürfnissen, Kompetenzen und Wertvorstellung der Person passen. Die Ursachen solcher Situationen können so vielfältig wie die Menschen sein. Menschen mit Beeinträchtigungen können beispielsweise in der Möglichkeit ihrer Teilhabe, dem Einbringen ihrer Kompetenzen und der Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse durch einstellungs- und umweltbedingte Barrieren behindert werden. Manche Menschen befinden sich in Überforderungssituationen. Andere machen täglich Dinge, für die sie zwar gut bezahlt werden, die aber nicht ihren Werten, Kompetenzen und Grundbedürfnissen entsprechen.

Solche Situationen können ein Ausgangspunkt für Persönliche Zukunftsplanung sein, um für sich bzw. mit der planenden Person eine passende Lebenssituation zu gestalten. Wir können Menschen in schwierigen Situationen unterstützen, ihre Misfit-Konstellationen aufzulösen. Wir können Menschen emotional beistehen und sie bestärken und tatkräftig unterstützen, dass sie ihren Weg finden werden. Hilfreich für die Auflösung einer Misfit-Situation ist eine Gemeinschaft mit vertrauten Menschen, wie sie sich zum Beispiel in einem Unterstützer*innen-Kreis zeigen kann.

„Vor seinem Ende sprach Rabbi Sussja: In der kommenden Welt werde ich nicht gefragt werden: ‚Warum bist du nicht Moses gewesen?‘
 Die Frage wird vielmehr lauten: ‚Warum bist du nicht Sussja gewesen?“[12]

Literatur


Blickhahn, Daniela: Positive Psychologie. Ein Handbuch für die Praxis. 2. Aufl. Paderborn: Jungfermann 2018.
Gardener, Howard: Abschied vom IQ. Die Rahmentheorie der vielfachen Intelligenzen. Stuttgart: Klett-Cotta, 1999.
Largo, Remo H.: Das passende Leben. Was unsere Individualität ausmacht und wie wir sie leben können. Frankfurt am Main: Fischer, 2018.
Largo, Remo H.: Zusammen leben. Das Fit-Prinzip für Gemeinschaft, Gesellschaft und Natur. Frankfurt am Main: Fischer, 2020.
Seligman, Martin: Wie wir aufblühen. Die fünf Säulen despersönlichen Wohlbefindens. 5. Auflage, München: Goldmann, 2015.

Fußnoten

[1] vgl. Blickhahn 2018, 32
[2] Ryff zitiert nach Blickhahn 2018, 36
[3] Seligman 2015, Blickhahn 2018
[4] Blickhahn 2018, 33
[5] Largo 2017
[6] Largo 2017, 23
[7] Largo 2017, 25
[8] Gardener 1999
[9] Largo 2017
[10] Largo 2017, 345
[11] Largo 2017, 345
[12] Zitiert nach Largo 2017, 338

Quellenhinweis

Dieser Abschnitt ist ein Auszug (Seite 21-23 ) aus der Neuausgabe 2020 des Buches

Doose, Stefan: „I want my dream!“ Persönliche Zukunftsplanung weiter gedacht. Neue Perspektiven und Methoden einer personenzentrierten Planung mit Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen. 11. grundlegend überarbeitete und erweiterte Neuausgabe Neu-Ulm: AG SPAK Bücher 2020

Dieses und weiteres nützliches Material zum Thema Persönliche Zukunftsplanung kann über das Netzwerk Persönliche Zukunftsplanung bestellt werden. https://www.persoenliche-zukunftsplanung.eu/materialien/bestellmoeglichkeiten.html

Für alle, die mehr über die Neuausgabe von „I want my dream!“ wissen wollen: Dr. Antje Ginnold hat gerade bei socialnet.de eine ausführliche Rezension geschrieben: https://www.socialnet.de/rezensionen/26326.php

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