Auf dem Weg ins Arbeitsleben

Ich bin jetzt 23 Jahre alt. Früher habe ich immer gesagt, ich würde mit 20 in Rente gehen wollen. Das war aber nur im Spaß. Mit 16 bin ich ohne Abschluss aus dem Förderzentrum Lernen gekommen. Bei der Agentur für Arbeit hatte ich eine Beratung, wie es mit mir weitergehen sollte. Ich hatte eine Idee und war mir sicher: Ich wollte in den Tiefbau, mein Traumberuf, unbedingt. Aber in der Agentur konnten sie nichts damit anfangen und steckten mich in die Maßnahme DIA-AM. Da wurde überprüft, ob ich arbeiten kann. Ich war in Vollzeit in ganz vielen Praktikumsbetrieben und war unglücklich. Als die Maßnahme zu Ende war, wussten sie immer noch nicht, was sie mit mir machen sollten.

Meine Eltern haben dann einen Jobcoach, das war Elke, gefragt. Sie hilft anderen, auf dem ersten Arbeitsmarkt Arbeit zu finden. Elke hat mit meinen Eltern und mir das Persönliche Budget beantragt für den Berufsbildungsbereich einer Werkstatt. Und die DIA-AM-Leute haben gesagt, wenn mich das meinen Wünschen näher bringt, dann soll ich das machen. Die Idee war, jedes Vierteljahr woanders ein Praktikum im ersten Arbeitsmarkt zu machen und herauszufinden, was ich gut kann und wo ich hin will beruflich. Ich hatte viele Vorstellungsgespräche, aber gefallen hat mir nichts. Ich war ungeduldig, aber es ging nicht voran. Irgendwann gab es auch keine Ideen mehr und nur noch zwei Möglichkeiten, entweder das Budget zurückzugeben, dann hätte die Agentur selbst nochmal überlegen müssen. Oder noch mal richtig gründlich dranzugehen und mit Elke und mit Wiebke, die mich die ganze Zeit im Persönlichen Budget begleitet hatte, gemeinsam nachzudenken. Und dann kam die Idee mit der Zukunftsplanung.

Zur selben Zeit war ich gerade in einem Praktikum bei einem Getränkegroßhandel. Das war das allererste Praktikum, das mir richtig gut gefiel.

Wir drei haben uns für die Weiterbildung Persönliche Zukunftsplanung in Eutin angemeldet und die Moderationsausbildung gemacht. Am Anfang hatte ich Schwierigkeiten, ich kam nicht so richtig rein, sollte von mir erzählen, wollte das aber eigentlich gar nicht. Irgendwie ist dann doch der Knoten geplatzt und ich habe von mir erzählt. Es war gut, an dem Seminar teilnehmen zu können. Ich hab angefangen, über mich selbst anders nachzudenken. Wir haben uns zu dritt außerhalb des Seminars getroffen und mit einer PZP für mich loszulegen. Ich hab im Internet nach Ideen gesucht und danach, was vielleicht meine Wünsche sein könnten. Und ich habe alles ausgedruckt, was mir gefiel. Ein Handy zu haben, eine Freundin, viel Geld, eine Villa in Berlin-Kreuzberg und ein Wochenende mit Sido, ein Maserati, also alles, was man so mit 15, 16 träumt.

Wir haben Methoden ausprobiert, die wir gerade im Seminar kennengelernt hatten, und schließlich einen Unterstützerkreis eingeladen. Den zusammenzustellen, war harte Arbeit. Ich habe die Einladungen gemacht, ich habe sogar noch welche. Davon habe ich noch kein einziges Stück weggeschmissen. Ich habe also alle aufgeschrieben, die mir einfielen, und auch die, die meine Eltern und mein Bruder kennen. Das waren dann doch zu viele. Wir haben sortiert, wer mir wichtig ist, wem ich was gern erzähle und zu wem ich gehe, wenn ich Probleme habe. Schließlich haben wir 27 eingeladen. Ein paar sind aber einfach nicht gekommen, besonders drei, von denen ich dachte, es sind meine besten Freunde. Dafür waren dann zwei da, die ich noch gar nicht so lange kannte, aus dem Fitnessstudio. Die haben damals überhaupt nichts gesagt, aber hinterher habe ich von ihnen über facebook ganz viele Angebote bekommen.

PATH
Marcels erstes PATH-Plakat

Im Unterstützerkreis ging es darum, welche Praktika ich noch machen will und was ich mache, wenn die zwei Jahre im Berufsbildungsbereich vorbei sind. Als ich meine Ideen vorgestellt habe und meinen Traum vom Maserati erzählte, ist mein Onkel nach vorn gekommen und hat gesagt: „Marcel, selbst wenn wir alles Geld zusammenlegen, können wir uns keinen Maserati leisten. Aber davon träumen, das tue ich auch.“ Fand ich klasse. Der Unterstützerkreis war aufregend, es sind so viele Sachen passiert. Meine Eltern hatten sich auch Sorgen gemacht, weil ich unsere Nachbarn eingeladen hatte. Was die über uns denken würden? Das war echt mutig, dass sie das mit getragen haben. Und die Nachbarn waren echt toll.

Für mich war dieser Abend eine riesige Party. Tobias aus der Schweiz war gekommen und hatte die Moderation übernommen, ich kannte ihn von der PZP-Weiterbildung. Das war was Besonderes für mich. Den Körperumriss, die Sozialraumkarte, alles, was wir vorher erarbeitet hatten, habe ich vorgestellt, und das hat die Leute im Kreis sehr beeindruckt. Ich hatte auch Bilder aus dem Praktikum, viele Bilder.

Es gab Vorschläge für Praktika, aber es ist nicht so einfach. Zum Glück hat sich später alles zum Guten entwickelt. Ich habe viel gelernt. Am Anfang hat Elke meine Praktika organisiert, später habe ich das selbst getan. Ich habe mir im Fitnessstudio die Leute genau angesehen, die mir sympathisch waren, habe sie gefragt, wo sie arbeiten, und mir dann überlegt, ob das auch was für mich wäre. Ein Betrieb wollte mich anstellen, ein Getränkegroßhändler, aber der Gabelstaplerschein fehlte mir, und ein Hinderungsgrund war auch, dass sie übern Winter so wenig zu tun hatten und mich nicht fürs ganze Jahr bezahlen konnten. Dann bin ich schließlich in einen Edeka-Markt auf Nordstrand gekommen. Der hat mich nach einem sehr langen Praktikum 2014 in Teilzeit fest angestellt. Sonst wäre ich höchstwahrscheinlich in der Werkstatt gelandet.

Viele Dinge sind nach der ersten PZP passiert, im Haus meiner Eltern bin ich ein größeres Zimmer gezogen. Außerdem habe ich privat Englischunterricht genommen. Ich bin viel mobiler geworden. Früher habe ich nur gemacht, was ich mit dem Fahrrad erreichen konnte, jetzt bin ich überall unterwegs. Ich hab an die Weiterbildung PZP noch einen Aufbaukurs gehängt und bin inzwischen in den Koordinationskreis gewählt, war mit auf PZP-Reisen in Prag und Bratislava, in der Schweiz. Inzwischen bin ich allein in Urlaub gefahren. Also, es war wirklich eine Wende, die ich da mit der PZP angeschoben habe. Ich bin auch mal gefragt worden, was ohne die PZP bei mir anders verlaufen wäre. Aber ich sage dann, das kann man doch nicht wissen, darauf gibt es keine Antwort.

Und inzwischen bereiten wir eine zweite PZP vor. Denn bei meiner Arbeitsstelle wusste ich von Anfang an, das mich da ein paar Dinge stören. Im Sommer kommen ganz viele Touristen hierher, das finde ich gut, aber im Winter sind es mehr die Einheimischen, und die sprechen platt, das verstehe ich kaum. Oft ist auch nichts los und der Laden wird während der Mittagspause – zwei Stunden! – zugemacht. In der Zeit weiß ich gar nicht, wo ich hin soll. Am allermeisten aber nerven mich die weiten Wege, eine Stunde hin und eine zurück. Wegen dieser Punkte habe ich immer gesagt, Nordstrand ist zum Starten okay, aber dann muss es irgend woanders weitergehen. Denn eigentlich will ich doch was anderes. Aber irgendwie habe ich immer gehört: Du hast doch einen Job, bleib man da, es läuft doch alles seinen Weg, hast einen guten Chef.

Und im letzten Jahr war es soweit, ich wusste plötzlich, ich will eine neue Zukunftsplanung machen, die Materialien sind schon so alt und überholt. Der Körperumriss, die Sozialraumkarte, die stimmen nicht mehr.

Marcels Sozialraumkarte
Die erste Sozialraumkarte von Marcel umfasste alle wichtigen Orte für ihn in Husum und Umgebung.

Ich habe mich mit Wiebke getroffen und wir haben losgelegt, genauso wie beim ersten Mal. Und plötzlich, beim Träumen, fiel mir auf: Ich habe ja gar keine Träume mehr, weil: Ich hab doch alles. Naja, vielleicht eine Kreuzfahrt, eine große Reise. Aber dafür brauche ich keine Unterstützung! Da gehe ich ins Reisebüro und buch‘ das, ich muss nur genug Geld haben. Eine Sache fiel mir ein, da brauchte ich dann doch Hilfe und zwar: den Hauptschulabschluss angehen. Und noch eins: den Führerschein machen. Hab mich dahinter geklemmt, recherchiert, eine Fahrschule gefunden und ganz viel gemacht. Aber ich bin durchgefallen, mehrfach. Jetzt habe ich überlegt, doch nochmal einen Neustart zu machen, mit Unterstützung. An den anderen Sachen sind wir noch dran. Ich wohne noch zuhause bei meinen Eltern, habe mir eine Liste mit Betrieben gemacht, wo ich mal hin will für Praktika. Oder vielleicht will ich auch eine Ausbildung zum Lageristen beginnen.

Marcels neue Sozialraumkarte
Die neue Netzwerkkarte von Marcel umfasst jetzt den ganzen deutschsprachigen Raum mit seinen Lieblingsorten.

Für einen neuen Unterstützungskreis möchte ich heute einladen: Die Chefs des ersten Betriebs, die mich nicht einstellen konnten, aber es gern gemacht hätten. Bei denen habe ich mich wohlgefühlt und hoffe, dass da vielleicht wieder was entsteht. Nachbarn würde ich nicht mehr einladen. Aber zwei Fachschullehrer, mit dem einen verstehe ich mich sehr gut. Inzwischen sind meine Eltern auch nicht mehr meine rechtlichen Betreuer. Auf der Sozialraumkarte gibt es Lieblingsorte und Oftorte und die sind bei mir meistens gleich. Normalerweise gibt es ja auch Angstorte. Das sind für mich Krankenhäuser und Blutabnehmen. Und weil es die überall, in jeder Stadt, gibt, sind die auf meiner Karte nicht drauf, die wollte ich nicht haben. Ist doch schließlich meine Sozialraumkarte.

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