Mein Weg zur Traum WG

Ich bin Stephan, 38 Jahre alt, lebe in Dresden und arbeite in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Was ich jetzt erzählen will, hat 2010 begonnen. Damals habe ich in der Dresdner Neustadt den Kurs „Leben hier bin ich!“ gemacht, weil ich auch andere Menschen kennenlernen wollte. Alle haben da einen Körperumriss gemacht, ich habe mich gefragt, wo denn meine Interessen und meine Stärken sind, und ich habe gemerkt, dass ich mich verändern und bei meinen Eltern ausziehen will. Vor allem wollte ich mit meiner Freundin in eine eigene Wohnung ziehen. Das hat aber ihre Mutter nicht zugelassen. Also habe ich mich ohne meine damalige Freundin auf den Weg gemacht. Begleitet hat mich dabei Christian. Er moderiert auch Persönliche Zukunftsplanungen. Er hat auch den Kurs „Leben hier bin ich!“ geleitet. Gemeinsam sind wir Schritt für Schritt vorwärts gegangen. Wir haben keine ganze, so große Zukunftsplanung, aber viele Bestandteile gemacht.

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Wie sollte das denn jetzt aussehen, wie ich wohnen und leben will? Bildlich hatte ich das im Kopf. Ich habe das erzählt, und ein anderer, der grafische Moderator, hat das alles aufgeschrieben und gezeichnet. Ich habe zuerst an Wohnheime gedacht und wir haben überlegt, wo die sein dürfen, damit ich die gut erreichen kann. Und dann haben wir uns Wohnheime angeschaut und das Drumherum. Das ist ja schon Teil des Weges, eigentlich schon wie eine Art Planung. Wir haben Listen gemacht, was sind die guten Sachen am Wohnheim, was sind keine guten? Es gibt so viele Wohnheime, ich habe aber nur drei angeschaut. Meistens waren die Zimmer so klein, nur 12 qm. Ich habe mich dann aber gegen die Wohnheime entschieden, weil man immer das Bad mit einem anderen teilen musste. Vor allem aber, weil ich nicht immer nur mit denselben Menschen bei der Arbeit und beim Wohnen zu tun haben will, das ist nichts für mich. Ich möchte unter normale Menschen kommen. Schließlich haben wir auch einen Steckbrief über mich zum Wohnen erarbeitet und Notizen dazu gemacht. Und dann bin ich über eine Brücke einen Schritt weitergegangen, denn ich habe nach den Wohnheimbesuchen gesagt, ich kann mir auch vorstellen, mit Freunden in einer WG zusammen zu wohnen. Also haben wir geschaut, welche Menschen brauche ich und was finde ich an einer WG gut?

Also habe ich mir WGs angeschaut. Seit dem 2.Januar 2012 arbeite ich in der Werkstatt und Ende des Jahres 2012 habe ich die erste WG angeschaut. Ich wurde in bestehende WGs eingeladen, zum Beispiel von einer Kollegin in ihre WG: Es war eine schöne Wohnung, aber eine reine Mädchen-WG und ich wollte nicht Hahn im Korb sein. Als dort ein Platz frei wurde, habe ich dann auch abgelehnt. Eine andere lag sehr weit draußen, da wäre der Arbeitsweg mit dem Fahrdienst viel zu weit gewesen, das wollte ich auch nicht. Oder noch eine andere WG, wo ich aber nur einen kannte, die anderen Mitbewohner waren komplett fremd für mich und passten vom Alter her nicht so gut.

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Und dann bin ich noch einen Schritt weiter auf dem Weg zu meiner Traum-WG gegangen: Wir, also Christian, meine Mutter, meine Schwester und ich, wir haben überlegt, wen wir in einen Unterstützerkreis einladen können. Es sollte keine riesengroße PZP werden, denn die ganzen Wohnheim- und WG-Besuche haben dazu geführt, dass wir ja schon so viel erkundschaftet hatten. Ich wusste, was ich alles nicht wollte. Und ich wusste, dass ich mit Leuten, mit Freunden, zusammenwohnen wollte. Und mitten in den Vorbereitungen hat mich mein Arbeitskollege in der WfbM gefragt, ob ich Lust habe, in eine WG, die gerade im Planungsstadium war, mit einzuziehen. Das war das erste Mal, dass ich von mir aus und sofort gesagt habe: Ich will! Dieser Satz, den ich da gesprochen habe, war mein Start in meine Traum-WG.

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Am Ende war es ja ein Zufall, dass mein Arbeitskollege mich angesprochen hat: Denn er plante gerade mit anderen, in eine WG zu ziehen, und ich bekam die Möglichkeit, dort mit einzusteigen. Jens, der Kollege und inzwischen Freund, hört denselben Radiosender und schaut den gleichen Fernsehsender, er sammelt LKWs und ich habe auch LKWs. Da haben wir uns gefunden. Dann haben wir eine WG-Reise gemacht. Die Lebenshilfe hat ein Ferienhaus, da sind wir hingefahren und haben übers Wochenende das WG-Leben ausprobiert. Ein Probewohnen. Jetzt sind wir fünf in der WG, und die ist inklusiv. Und alles ist in Planung, denn das Haus wird noch gebaut und im Juni 2017 ist Einzug.

So hat nun doch alles zu einem guten Schluss geführt. Auch wenn wir am Ende keine große Zukunftsplanung gemacht haben, haben wir doch viele Schritte und Methoden benutzt. Und ich habe mich beim Ausprobieren und Anschauen immer weiter entwickelt. Bis es auf einmal passte, als mich Jens fragte. Die Mutti ist schon traurig, dass ich ausziehe. Sie hat ein weinendes und ein lachendes Auge, denn ich ziehe zwar aus, aber ich wohne dann mit Freunden zusammen. Außerdem habe ich bei Christian auch eine Weiterbildung zur Persönlichen Zukunftsplanung gemacht. Das Thema hatte mich angesprochen, weil ich lernen möchte, wie man Moderator oder Botschafter wird für diese Planungen. Und ich mache ehrenamtlich Führungen in  leichter Sprache im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden. Also, es hat sich viel geändert, seit ich den Kurs „Leben hier bin ich“  gemacht habe.

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Ein Kommentar zu „Mein Weg zur Traum WG

  1. Lieber Stephan, das ist eine wunderbare Geschichte. Was mir besonders gut gefällt ist, dass du dir so gut Zeit genommen hast um dir alles gut anzuschauen und so rausgefunden hast was du nicht willst und was du willst. so hast du jetzt deinen Traum erfüllt. Alles Gute! Karin aus Österreich

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